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Warum wir tiefe Gefühle fürchten...

... und wie wir lernen, uns in der Tiefe sanft zu begegnen


Die eigentliche Furcht entspringt dem enormen Druck, der im Dagegenhalten entsteht. Die Tiefe in uns erforschen wir meist nicht - und wir erleben sie auch eigentlich nicht als gefährlich. Wir haben nur nicht gelernt, bewusst einzutauchen un din unseren schweren Gefühlen gehalten zu sein. Das größte und fatalste Missverständnis liegt darin, dass wir den erlernten Damm und seinen Druck verwechseln mit dem eigentlichen Gefühl. Das Gefühl ist nicht das, was uns überflutet.




Die Blockade im Ausdruck

Wir sind fühlende Wesen in einer rationalen Welt, in der kaum jemand gelernt hat, die eigene Tiefe wahrzunehmen, zu fühlen, auszuloten und zu halten. Der spontane Ausdruck vor allem von schweren Gefühlen wird uns so früh und so vehement abtrainiert, dass wir lernen: Ich bin zuviel, ich bin nicht so wie die anderen, ich bin alleine mit meiner Innenwelt. Statt die Tiefen zu erforschen, ihnen einen Laut, einen Ausdruck zu geben, gemeinsam zu tauchen und sie auszuloten, werden wir mit ihr allein gelassen. Und wir übernehmen das, was uns an Strategie zur Verfügung steht: Wir hören auf, so tief wahrzunehmen und auszudrücken und verbergen uns hinter einem Schutzwall auch vor uns selbst. Oder wir hören auf, unsere Innenwelt im Außen sichtbar werden zu lassen und verbrennen still. Jede Barriere hat ihre Berechtigung und ihren guten Grund.


Der Staudamm und seine Folgen

Wir erleben unsere Tiefe nicht im Fluss und in der natürlichen Bewegung, sondern als Staudamm. Tiefe Gefühle an sich sind gar nicht so schwer auszuhalten. Das Dagegenhalten ist das, was uns erschöpft und das sintflutartige Durchbrechen ist das, was wir fürchten. Meist fühlen wir gar nicht das Gefühl - sondern den ungeheuren Druck des Festhaltens. So oft haben wir den Bruch des Damms als existenzielle Gefahr erlebt, dass wir alles tun, um eben nicht überschwemmt zu werden. Es ist die Angst vor dem emotionalen Tod, die unsere Schutzmuster hochfährt. Die Angst, allein gelassen zu werden. Die Angst, ausgestoßen zu sein. Die Angst, schlicht unter dem Sturm der Gefühle zu vergehen. Und wir wehren uns mit allem, was wir haben. Alles, was wir fürchten, ist die Wucht des Aufpralls. Dabei war jede Erfahrung, die wir tatsächlich mit fließender Tiefe gemacht haben, alles andere als überschwemmend. Fließende Tiefe ist einfach. Nicht leicht. Aber einfach. Wahr. Und anders als unsere Schutzsysteme es befürchten. So anders, dass wir beides gar nicht über einander legen und abgleichen können.


Die Tiefe

Die eigentliche Tiefe selbst ist in uns zu allergrößten Teilen unerforscht. Sehr selten lassen wir es zu, dass uns ein Gefühl der Länge nach auffaltet und in uns das Tor öffnet in unseren eigenen Abgrund. Selten machen wir so die Erfahrung, dass Abgrund gar nicht Gefahr und Tod, sondern etwas ganz anderes bedeutet. Den Abgrund zu betreten, bedeutet, Deine eigene Innenwelt in ihrer ganzen Badbreite kennen zu lernen. Es sind deine eigenen "Monster", die du hier findest. Und denen du in die Augen schauen kannst. Denen du sagen kannst: Ich bin da - und ich bleibe. Auch, wenn du brüllst, heulst, jaulst, fluchst und schreist. Ich bleibe.

Denn hier gibt es nichts zu tun. Nichts, was losgelassen, aufgeräumt, ausgeräumt werden muss. Hier, in deiner Tiefe, geht es um ganz einfache Wahrheiten. Es geht ums Bleiben. Ums Halten. Ums Lächeln. Es muss nichts geleistet werden. Und nichts, gar nichts, ist falsch.


Die Einsamkeit

Wir haben nie erfahren, dass unsere Tiefe verstanden wird. Jenseits von Worten, jenseits von Einorndung, Kausalitäten und Interpretationen. Unser tiefster Schmerz ist der Schmerz der Trennung. Von uns selbst, von anderen Menschen, von unserer Tiefe und unseren höchsten Höhen. Die Einsamkeit in uns ist riesig. Die Haltlosigkeit, die Ohnmacht, die Erschöpfung vom Dagegenhalten und die tiefe Resignation. Die Erfahrung, dass deine Tiefe verstanden wird, bezeugt und gehalten, geteilt und willkommen geheißen, ist unglaublich heilsam.


Das verbundene Atmen

Verbunden zu atmen schafft etwas, was uns normalerweise sehr schwer fällt - es führt uns hinter die Gedanken. Du kannst nicht verbunden Atmen und gleichzeitig denken. Damit rückt einer der größten und mächtigsten Schutzbarrieren bereits in den Hintergrund, und du gleitest ganz natürlich tiefer in deinen Körper und in das, was in dir gerade bereit ist, sich zu offenbaren. Dein System ist unendlich weise. Es steuert genau, wie und wohin es dich navigiert. Es weiß, was dran ist - und was nicht. Das Atmen ohne Pause zwischen dem Ein- und dem Ausatmen schmilzt zusammen, was getrennt war. Es nimmt die kleine Pause, das Innehalten aus dem Atemrhythmus heraus und spannt sie wie eine Kuppel über die gesamte Atempraxis, die damit wie aus der Zeit fällt und dir ermöglicht, wirklich zur Ruhe zu kommen.


Atemräume

Atemräume sind für mich heilige Räume. Räume, in denen du dir begegnen kannst, Räume, in denen es nicht darum geht, etwas zu erdenken oder zu erklären oder etwas "Besonderes" zu tun. Das Besondere liegt gerade darin, dass du nicht tust, sondern dich öffnest für das, was geschieht. Im Vertrauen und der Hingabe an dein eigenes System, das so weise und liebevoll navigiert, wenn du es lässt. Bariieren, Härte, Abstand - nichts davon hält uns warm. Meine Atemräume halten dich. In der Gewissheit, dass alles willkommen ist, was sich zeigt. Ich bezeuge deine Tiefe - denn sie ist mir vertraut. Kein "Monster", das mir unheimlich werden könnte. Ich erinnere dich an deine Sanftheit, die in der Lage ist, alles genau jetzt zu umfangen und zu umfassen. All deine Erfahrung, deine Geschichte, deine Schutzbarrieren und Strategien, deinen Schmerz, deine Einsamkeit, dein ganzes Menschsein. Und in diesem Gefühl, sanft umfangen zu sein von dir selbst, steht etwas auf, was größer ist.


 
 
 

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